KMU-Digitalisierung

Viele KMU haben sich die digitale Welt zu eigen gemacht

19. November 2018

 

Der Deutsche Industrie- und Handelskammertag (DIHK) überschrieb die Auswertung einer Umfrage zur Digitalisierung mit „Wachsende Herausforderungen treffen auf größeren Optimismus“. Er charakterisiert die Stimmung vor allem der kleinen und mittleren Unternehmen ziemlich genau. KMU schätzen den eigenen Stand der Digitalisierung nämlich positiver ein als in der vorhergehenden Umfrage ein Jahr zuvor. Gleichzeitig sehen sie aber noch viel Entwicklungspotenzial. Im Interview sieht Linda van Renssen, Referatsleiterin Wirtschaft digital beim Deutschen Industrie- und Handelskammertag, die Betriebe auf einem guten Weg. Damit das auch so bleibt, stellt der DIHK nicht nur Forderungen an die Politik, sondern berät Firmen aktiv bei Themen rund um den digitalen Wandel.

 

O2 Business Magazin: Wo stehen die deutschen KMU bei der Digitalisierung?

Interview IHK

Linda van Renssen: Laut des IHK Unternehmensbarometer Digitalisierung 2017 schätzen sich bei der Digitalisierung derzeit etwas über ein Viertel der KMU als „voll“ oder „nahezu voll“ entwickelt ein, wenn es um Digitalisierungsthemen geht wie etwa Breitbandzugang und IT-Ausstattung, Anwendungsspektrum, Aufgeschlossenheit und Kompetenz handelnder Personen. Insgesamt sehen wir bei KMU ein großes Bewusstsein für die Herausforderungen und Komplexität der Digitalisierung.

Die Betriebe befinden sich auf einem guten Weg, gleichzeitig sehen sie weiterhin erhebliche Potenziale in ihrer digitalen Entwicklung. Insbesondere gibt es noch Chancen im Bereich neuer Geschäftsmodelle, denn viele KMU sehen die Digitalisierung zuerst einmal als „Effizienzoptimierer“.

Vor allem kleine Unternehmen sehen sich als digitale Nachzügler. Gleichzeitig zögern sie aber, externe Hilfe bei Digitalisierungsprojekten in Anspruch zu nehmen.

Laufen die kleinen Firmen Gefahr, von den Großen überrollt zu werden?

Bei den KMUs steht das gut laufende Geschäft an erster Stelle. Dann fehlen oft Zeit und Personal, um rechtzeitig notwendige Anpassungen bei den Produktions- und Geschäftsprozessen vorzunehmen und Kompetenzen zu schaffen. Außerdem hängt der Erfolg in Digitalisierungsprojekten von vielen Faktoren ab: Beispielsweise können Unternehmen Daten erst wirtschaftlich nutzen, wenn schnelle Internetverbindungen, einheitliche Datenstandards, kompetente Fachkräfte für die Datenauswertung, IT-Sicherheit und Rechtssicherheit vorhanden sind. Das sind äußere Rahmenbedingungen, die geschaffen werden müssen.

Es gibt aber Gründe, optimistisch zu sein: Unsere IHK WE DO DIGITAL-Initiative zeigt, dass sich viele KMU die digitale Welt zu eigen gemacht haben – bundesweit und branchenübergreifend Auf www.wedodigital.de haben wir Gesichter und Geschichten von Betrieben mit bis zu 500 Mitarbeitern aus 166 Orten und allen Ecken Deutschlands gesammelt. Die Zahl der Mitarbeiter bestimmt nicht mehr unbedingt den Erfolg, denn die digitale Welt bietet jedem Einzelnen große Chancen.

Die deutschen Unternehmen galten lange als Innovationsvorreiter. Warum hat der Standort Deutschland bei der Digitalisierung nicht die Nase vorn?

Deutschland ist bei Themen wie Industrie 4.0, Robotik et cetera weiterhin international führend. Durch die Wertverschiebung von der Hardware zu Software bestimmen immer mehr die Fähigkeiten zur Datenauswertung und -nutzung die Wettbewerbsfähigkeit eines Unternehmens. Digitale Services anzubieten ist wirtschaftlich oft interessanter als der reine Verkauf eines Produktes. Und digitale Plattformen sind das Kernelement der neuen Geschäftsmodelle. Obwohl die meisten der momentan dominierenden Plattformen nicht hier gegründet wurden, haben auch Deutschland und Europa eine starke Position. Denn im Zuge der Digitalisierung der Industrie werden große Mengen an maschinenbezogenen Daten erzeugt. Gerade hier bietet die Anwendung von, zum Beispiel, Künstlicher Intelligenz großes wirtschaftliches Potenzial. Damit Deutschland und Europa auch zu den Gestaltern und Gewinnern der Zukunft gehören, ist ein schnelles, konzertiertes Vorgehen im Zusammenspiel von Politik, Forschung und Wirtschaft erforderlich – nach dem Motto „think big and fast“.

Die IHK sieht auch die Politik bei der Digitalisierung in der Pflicht. Was sind die Hauptforderungen der IHKs an die Regierungen?

Die Politik ist insbesondere gefordert, mit geeigneten nationalen und europäischen Rahmenbedingungen Rechtssicherheit zu schaffen und für ein Innovationsklima zu sorgen. Häufig fehlen noch die Grundlagen für die Digitalisierung. Beispielsweise funktioniert in der Datenökonomie nichts ohne zukunftsfeste digitale Infrastrukturen – wir benötigen dringend flächendeckend Glasfasernetze bis in die Gebäude hinein und hochleistungsfähige Funknetze. Die Politik sollte auch das Thema Bildung vorantreiben: Der DigitalPakt des Bundesministeriums für Bildung und Forschung muss mit Leben gefüllt und die Gelder müssen auch zur Verbesserung der Berufsschulen zur Verfügung gestellt werden. Beim Thema E-Government hat Deutschland viel Nachholbedarf – jetzt müssen die Potenziale des Onlinezugangsgesetzes wirklich genutzt werden. Und wir brauchen Bürokratieabbau für Start-ups. In nahezu jedem IHK-Beratungsgespräch monieren Existenzgründer hohe Hürden. Antrags-, Genehmigungs- und Besteuerungsverfahren sollten vereinfacht werden, und One-Stop-Shops für Gründer sollten endlich Realität werden.

Die Bundesregierung möchte eine Agentur zur Förderung von Sprunginnovationen ins Leben rufen, um den Innovationsstandort Deutschland zu stärken.

Wird sie den Unternehmen helfen, die Herausforderungen der Digitalisierung zu meistern?

Die geplante Sprunginnovationsagentur könnte digitalen Geschäftsmodellen Auftrieb geben. Ob das gelingt, hängt nicht zuletzt davon ab, ob eine Kultur des Scheiterns etabliert werden kann, die auch eine „innovative Sackgasse“ als Erkenntnisgewinn betrachtet. Die frühzeitige Beteiligung der Wirtschaft jedenfalls ist essenziell für den Transfer der Lösungen in neue Produkte und Dienstleistungen und somit auch für den Erfolg der Agentur.

Welche Angebote macht die IHK an kleine und mittelgroße Unternehmen, damit diese den Anschluss bei der Digitalisierung nicht verlieren?

IHKs bringen Themen rund um die Digitalisierung praxisnah an den Mittelstand heran, transportieren Dialog-Ergebnisse und Expertise in die Fläche und vernetzen Unternehmen untereinander. Ein erfolgreiches Beispiel, wie wir das Bewusstsein für die Digitalisierung schärfen, ist die Roadshow „Industrie 4.0@Mittelstand“ , gemeinsam mit der Plattform Industrie 4.0. Es ist eine Projektreihe, die durch regionale Foren und Unternehmensbesuche Expertenwissen von der Plattform in die Regionen und deren KMU trägt.

Ein anderes Beispiel ist die Roadshow „IT-Sicherheit@Mittelstand“ gemeinsam mit dem Bundeswirtschaftsministerium und dem Verein „Deutschland Sicher im Netz“ - eine deutschlandweite Workshop-Reihe für Geschäftsführer und IT-Entscheider in KMU. Im Mittelpunkt stehen Motivation, Befähigung und praktische Umsetzung von IT-Sicherheitsmaßnahmen. In den 79 Kammern werden im Jahr 2018 insgesamt gut 600 Veranstaltungen rund um Industrie 4.0 für die Unternehmen angeboten.

An wen sollen sich Unternehmen wenden, wenn Sie Digitalisierungshilfe benötigen?

Keine Frage, in erster Linie an die IHKs: Sie sind unabhängig, haben ein sehr breites Themenspektrum mit viel Kompetenz, sind regional verankert und verfügen gleichzeitig über ein sehr großes überregionales Netzwerk zu Wissenschaft, Politik und anderen Unternehmen!

Zur Person:

Linda van Renssen

Linda van Renssen leitet das Referat Wirtschaft digital beim Deutschen Industrie- und Handelskammertag. Der DIHK als Dachorganisation der IHKs vertritt die politischen Interessen der gewerblichen Wirtschaft. Seit 2015 koordiniert van Renssen die Aktivitäten der IHK-Organisation zur Digitalisierung.

Sie vertritt deren politische Interessen und entwickelt Veranstaltungsformate sowie Kampagnen. Van Renssen war zuvor unter anderem im Europäischen Parlament und im Deutschen Bundestag tätig und dort bereits mit Digitalthemen befasst.

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